Meine Gedanken nach der Krebsdiagnose - was wirklich in mir vorging.
- skcoach9
- 8. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 15. März

Ich hatte das starke Bedürfnis, meine Gedanken aufzuschreiben. Nicht, weil sie besonders klug waren. Sondern weil sie raus mussten. Manches davon war wirr, manches traurig, manches voller Hoffnung. Vieles einfach ehrlich.
Im Krankenhaus – und auch danach – war Schreiben für mich eine Art Ventil. Gedanken im Kopf drehen sich im Kreis. Aufgeschrieben dürfen sie liegen bleiben. Ich musste sie nicht mehr festhalten. Ich konnte sie anschauen, loslassen oder einfach stehen lassen.
Diese Texte sind für mich entstanden. Für meine Familie. Und vielleicht auch für andere, die Ähnliches erleben.
Es sind Notizen aus dem Handy. Gedanken aus Momenten, in denen viel los war in mir. Ungefiltert. Nicht schön formuliert. Aber echt. Und genau deshalb wichtig.
Vielleicht hilft es auch dir. Vielleicht erkennst du dich wieder. Oder vielleicht erinnert es dich einfach daran: Man darf Gedanken zulassen. Und man darf sie aufschreiben.
Meine Gedanken am 23.9.2025 im Krankenhaus:
Warum es sich lohnt zu kämpfen!
Ich habe schon lange nichts mehr geschrieben. Warum eigentlich nicht? Geht es mir einfach gut?
Die Antwort ist: Nein. Ganz und gar nicht.
Die letzten Tage waren hart. Mein Körper macht nicht mehr das, was ich will. Die Chemo, die ganzen Therapien — Fieber, Infekte, Schmerzen, Stuhlgang, sie zermürben dich, nehmen dir Stück für Stück die Kraft. Am Ende bleibt nur noch eins: kämpfen. Nicht viel nachdenken, nicht jammern, nicht alles schwarz oder weiß sehen. Nur kämpfen, um da zu sein - zu leben.
Ich stehe auf und meine Beine geben nach. Ich schaue in den Spiegel und erkenne mich kaum wieder: Waden dünner als die Oberarme, Oberschenkel, die weich geworden sind, Haut, die schlaff wirkt. Mein Bauch ist weg. Früher habe ich mir 96 Kilo gewünscht — jetzt habe ich sie, aber nicht aus Stärke, sondern weil die Krankheit sie mir aufgezwungen hat. Und statt mich zu freuen, kämpfe ich heute um jedes einzelne Kilo nach oben.
Essen ist kein Genuss mehr. Selbst Wasser stößt mich ab. Jeder Schluck, jeder Bissen ist ein Zwang, ein innerer Kampf. Aber es muss sein. Auch wenn mir übel ist, auch wenn alles in mir dagegen ankämpft — ich zwinge mich. Aufstehen, anziehen, mich waschen, Mensch bleiben. Dinge, die früher selbstverständlich waren, fühlen sich heute wie kleine Berge an, die ich erklimmen muss.
Im Spiegel frage ich mich oft: Bist du das wirklich? Was haben sie mit dir gemacht? Und doch weiß ich: Wenn ich aufgebe, ist es vorbei. Das Aussehen ist zweitrangig, aber die Hoffnung bleibt, dass ich irgendwann wieder der Alte werde — nicht nur äußerlich, sondern als ganzer Mensch.
Woher ich die Kraft nehme, weiß ich oft selbst nicht. Vielleicht aus dem festen Händedruck meiner Frau, aus den Stimmen meiner Kinder, aus dem Rückhalt von Freunden und Kollegen. Diese Menschen geben mir unglaublich viel Kraft. Sie sind da, und das macht den Unterschied.
Meine Frau möchte ich hier extra hervorheben. Wenn sie mir die Füße massiert, wenn ihre Hände ruhig und sicher arbeiten, dann beginnt etwas zu passieren: Die Anspannung löst sich, und für einen Moment fühle ich mich nicht mehr wie jemand, der nur noch funktioniert — ich fühle mich als Mensch. Diese Berührungen sind nicht viel — und doch sind sie alles. Sie erinnern mich daran, dass ich nicht nur Patient bin, sondern dass da jemand ist, der mich kennt und liebt. Das gibt mir Halt, Zuversicht und neuen Mut.
Meine Kinder spielen eine besondere Rolle. Sie sind nicht nur Motivation, sondern mein Antrieb für die Zukunft. Ihr Lachen, ihre Energie, erinnern mich daran, wofür ich kämpfe: für sie da zu sein, heute und morgen. Unsere Beziehung ist etwas Besonderes — ehrlich, offen und tief. Diese Nähe gibt mir Kraft, die weit über Worte hinausgeht.
Und dann sind da die Ärzte und Schwestern. Ich habe gelernt, ihnen zu vertrauen. Sie tun alles, um mich wieder auf die Beine zu bringen. Besonders die Schwestern, die Tag und Nacht an meiner Seite sind, die Ruhe ausstrahlen, mich aufrichten, wenn ich am Boden bin. Ihre Nähe, ihre Menschlichkeit und ihr Fachwissen sind ein Fundament, auf das ich bauen kann. Dieses Vertrauen trägt.
Aber am Ende liegt es an mir. An meinem Willen. Am klaren „Ja, ich will.“ Ja, ich will wieder gesund werden. Dafür gebe ich alles. Nicht, weil ich Mitleid will, sondern weil ich weiß, dass Aufgeben das Einzige wäre, das mich wirklich verlieren lässt.
Und: Es lohnt sich. Die Blutwerte sind besser geworden, die Therapie schlägt gut an. All die Mühe, all der Kampf — er zeigt Wirkung. Das macht Mut. Das gibt mir Zuversicht für die nächsten Schritte. Jeder kleine Fortschritt ist ein Beweis dafür, dass es richtig war, nicht nachzulassen.
Ich habe gelernt, dass Mut nicht laut sein muss. Mut bedeutet, trotz weicher Beine aufzustehen. Mut heißt, sich hinzusetzen, obwohl alles dagegen spricht. Mut ist, weiterzumachen, wenn die Welt sagt: „Es wäre einfacher, loszulassen.“
Familie, Geschwister, meine Mutter, Freunde, Kollegen mein Rückhalt. Aber der wichtigste Antrieb kommt von innen: dieses kleine, hartnäckige Licht, das sagt: Weiter. Du bist noch nicht fertig.
Das hier ist keine Klage und kein Ruf nach Mitleid. Es ist ein Zeugnis. Dafür, wie schwer der Weg ist. Dafür, wie wichtig Vertrauen und Nähe sind. Und dafür, dass sich das Kämpfen lohnt.
Dein und mein Wille — geschehe.
Steffen, 25.9.2025
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